Anna-Lena’s Single-Geschichten: Bitch!

Single-Geschichten: Bitch!

Single-Geschichten: Bitch! Es ist ein vernebelter Samstagmorgen, die letzten Hoffnungen des Sommers schwinden, denn es ist unweigerlich zu erkennen, der Herbst steht schon vor der Tür. Etwas fassungslos starre ich auf meine goldene Armbanduhr, es ist 8:30 Uhr und anstatt mich in meinem Bett noch mal um zu drehen, stehe ich auf einer mit Blätter tapezierten Straße in Eimsbüttel. Früh aufstehen ist der erste Schritt in die falsche Richtung. Ich habe mir ein wenig Gedanken gemacht und bin zu dem Entschluss gekommen, mir keine Gedanken zu machen – alles beim Alten ohne genaue Definition, was das jetzt mit Adonis ist. Ich genieße den Moment und alles weitere wird sich zeigen.

Im Flur trete ich erst einmal auf eine Plastikplane, die sich anscheinend durch die ganze Wohnung zieht, vor mir stehen 3 riesige Farbeimer und Tapetenrollen. Bei dem Anblick möchte ich am liebsten schreiend weglaufen, denn mein Samstag für heute ist gelaufen. Wie gut, dass man Freunde hat, die einem helfen, wenn man spontan die Idee bekommt, einfach mal die ganze Wohnung am Wochenende zu renovieren. Zeittechnisch verhält es sich da wie mit den Umzügen, Samstag oder Sonntag und dann meist zu einer solch unchristlichen Zeit. Aber ich darf nicht meckern, denn das alles sind meine Ansätze für einen Neuanfang. Nachdem Tabi ihrem Aussehen ein neues Flair gegeben hat, ist jetzt ihre Wohnung an der Reihe. „Guten Morgen!“ Tabi kommt mir mit einer für meine Verhältnisse viel zu guten Laune entgegen. „Ich brauch erst einmal einen Kaffee.“ und entschwinde in die Küche, oh, hier wird heute wohl nicht gemalt, 11 Quadratmeter weniger und nehme mir eins der belegten Brötchen. „Wir sind nur zu zweit?“ „Nee, um zehn kommt noch mein Bruder!“ „Ach so, und weswegen bin ich dann schon da?“ und nehme einen Schluck frisch gebrühten Kaffee aus dem Becher mit der Aufschrift: „Der frühe Vogel kann mich mal!”

Ihr Blick sagt alles, ich bin die beste Freundin, er ist ja nur ihr Bruder und sie ist froh, dass er überhaupt kommt. Von wegen Blut ist dicker, als Wasser… nicht beim Renovieren! Das Schlimmste am Streichen sind die Vorarbeiten, nichts ist undankbarer als die Räume mit gelbem Klebeband zu versehen, um sie anschließend wieder ohne Spuren zu entfernen – ich hasse es und lege los. „Till wollte nicht kommen und helfen?“ und krieche am Boden entlang um mich mit den Fußleisten zu befassen. „Der ist mit Alex verabredet!“ „Ach so, na, dann!“ und ziehe den Türrahmen hoch. Ihr Blick sagt alles, ja, ja, Hauptsache ich bin da, ja, ja, ich habe verstanden und verschicke noch schnell eine Sms.

Wohnzimmer, Flur und Schlafzimmer erfolgreich abgeklebt und ich mutiere zu einem pinken Maleralbtraum, rosafarbene Nikihose, pinkes T-Shirt mit der Aufschrift: „Mit Pink sieht die Welt gleich viel besser aus!“ wirke ich, als wäre ich einer Folge von Lillifee entsprungen, es fehlt nur noch etwas Glitzer! „Hahaha, du siehst ja aus, ich dachte du hasst solche Klischeeoutfits?“ „Tue ich auch!“ „Ah, ja, aber haben tust du sie trotzdem!“ „Kein, Kommentar!“ und schnappe mir einen kleinen Pinsel. „Und wer bist du… Ghetto-Gangster-in-the-House?“ Tabis Outfit mit South-Pole Baggy-Pant und Stüssi-T-Shirt, erinnert an einen Hipp-Hopper Ende der 90er, ihr blonder Bob ergänzt den Look. Kleine Zeitreise zu den Jugendsünden oder spontane Bad-Taste-Party. Erst nach zwölf erhalten wir Unterstützung vom Testosteron, juhuu, ich muss die Decke nicht streichen.

Von der Ferne höre ich die Begrüßung von Tobi, aber da ist noch eine weitere männliche Stimme, die sich über Tabis Outfit lustig macht. Oh je, was sagt der erst zu mir, sehen wir es positiv, jetzt sind wir zu viert und vielleicht erlebe ich den Abend doch noch in Freiheit. Tobi, ein sportlicher Schlumpf, mit seiner weißen Jogginghose und dem blauen Hoodie, kommt ins Zimmer. Sein blonder Schopf hat heute wohl noch keine Bürste gesehen, wild und zerzaust, wie ein frisch geschlüpftes Küken sieht er aus. “Und wen stellst du heute dar… die Katze?“ und kann sich sein Grinsen nicht verkneifen. „Naaaaaaaaaaaaaaa!“, vor Schreck, denn nun sehe ich auch den zweiten männlichen Part von unserem Streichquartet. „Jonas!!!“, etwas kläglich, denn meine Stimme versagt. Sofort werden sämtliche Erinnerungen in meinem Hirn aktiviert. Meine ungeklärte Vergangenheit hat soeben freien Einzug in die planlose Gegenwart erhalten.

„Hi Anni!“ kurz und knapp, geht er an mir vorbei und würdigt mich nur eines kurzen Blickes. Besser so. Im Augenwinkel erkenne ich, dass seine braunen Haare nun etwas länger sind und sich ein wenig locken. Im Gegensatz zu uns 3 Kalkleichen ist er sommerlich gebräunt, ja in Kalifornien scheint die Sonne mehr, als in Hamburg. Auch wenn ich nach außen hin still und ausgeglichen wirke, brodelt in mir ein Vulkan. Es ist später Nachmittag, in meinen Gedanken gefangen, versucht Tabi sich Zutritt zu verschaffen. „Anni, wir haben zu wenig Farbe, Tobi und ich gehen nochmal los und besorgen welche.“ Waaas, nee, die kann mich jetzt nicht mit ihm alleine lassen. „Tabiiii..!“ mein flehender Blick berührt sie nicht im geringsten. „Jonas, male mit Anni doch jetzt die rote Wand, bis wir wieder weiße Farbe haben!“ und verlässt die Wohnung. Danke Freundin, was bezweckst du damit!

Jonas öffnet den Farbeimer „Ist das ihr Ernst, das sieht aus wie Blut!“ und schüttelt den Kopf. „Das ist Bordeaux!“ entgegne ich ihm und breche damit unbeabsichtigt das Schweigen. „Oho, die Dame von Welt, für mich ist das Rot!“ besteigt die Leiter und fängt vorsichtig an, die abgeklebte Markierung entlang zu pinseln, ich bin am Boden, in doppelter Hinsicht. Es ist komisch, jemand, dem man mal so nahe war, ist jetzt so weit entfernt. Der ignoriert mich, dass ich schon anfange an meiner Existenz zu zweifeln. Aber ich habe es auch nicht anders verdient, denn meine Weste ist nicht weiß, nein, aus seiner Sicht ist sie bestimmt tiefschwarz. Ich drohe unter der Last meines schlechten Gewissens zu ersticken. „Jonas, es tut mir Leid!“, er ist viel zu sehr mit der Wand beschäftigt und ihm entfleucht ein kurzes „Ja!“. Ja…, mehr nicht und sofort verspüre ich den Drang, mich nochmal etwas mehr zu entschuldigen. „Es tut mir wirklich Leid!“, und schaue zu ihm hoch, ein wenig Rot tropft auf sein weißes T-Shirt und seinen hellgrauen Jogger. „Ups!“ und ein riesiger Klecks rote Farbe verdeckt mein Augenlicht, ich kann nichts sehen und meine Hände sind nicht zu gebrauchen. „Warte!“, ich höre wie Jonas von seinem Thron herab zu mir, dem Fußvolk, steigt. Ich spüre das feuchte Papier vorsichtig über mein Gesicht gleiten. Nach einer Zeit kann ich wieder die Lider öffnen und sehe direkt in seine enzianblauen Augen. Eine braune Locke fällt ihm ins Gesicht, als er sich über mich beugt und behutsam die Farbe aus meinem Gesicht entfernt.

„So, das muss reichen, alles weg!“ mustert mich und lächelt. „Danke!“ und ich lächle zurück. Ich glaube das Eis ist jetzt gebrochen. Er steigt wieder zwei Stufen empor und etwas von oben herab. „Ja, ist notiert!“. Ist notiert… warum will er jetzt nicht darüber reden, er könnte mir jetzt alles vorwerfen, ich wäre bereit und sofort verspüre ich ein Gefühl mich zu erklären „Ich bereue es, was da vorgefallen ist und wie ich mich später dir gegenüber verhalten habe… das war mit einer meiner größten Fehler!“- sein Blick ist fixiert auf die Wand, „Ja und wie ich gehört habe, war es eine Bauchlandung!“ Haha, das ist noch untertrieben, es war eher ein Aufprall nach einem Sprung ohne Fallschirm, aber ich habe daraus gelernt. Ich krieche hier gerade zu meiner eigenen Kreuzigung, es gibt nichts mehr zu verlieren, denn nun kommt der Moment, wo ich anfange mich zu rechtfertigen, „Ich war noch nicht soweit und wusste nicht was ich wollte!“

Schweigen auf der anderen Seite, super Taktik nichts zu sagen und den anderen dazu zu bringen, sich seelisch komplett auszuziehen. Er sieht mich nicht an, will keine große Unterhaltung, das tut weh. „Du hasst mich oder?“ er blickt kurz auf „Es ist nicht so, dass ich Dich hasse! Es ist nur…nehmen wir mal an, Du würdest brennen und ich hätte Wasser – …ich würde es trinken!“ und taucht den Pinsel mit einem hämischen Grinsen in die rote Farbe. Treffer – gesunken und den Erdboden gleich gemacht, ja, lass mich brennen, ich habe es verdient. Auch wenn ich hin und wieder ganz gerne das Wort Arschloch benutze, um das miese Verhalten männlicher Personen zu formulieren, war ich auch nicht immer korrekt und die weibliche Variante nennt man dann wohl Bitch! Ich habe mich wie eine verhalten, da sind sich Männer und Frauen ähnlicher, als sie denken. Ich versuche das Gespräch am Laufen zu halten „Wie spät ist es?“ – „Da oben hängt eine Uhr.“ – Habe ich ihn gefragt wo die Uhr hängt!? Ok, die Antarktis besteht weiterhin und wende mich wieder der Farbrolle zu.

Das Schweigen zieht erneut in den Raum, aber lächeln tut er trotzdem, ich verstehe das nicht. „Was ist bitte so lustig?“ „Nichts!“ und versucht sich sein Lachen zu verkneifen. „Wie geht’s Mia?“ Bitte!? Es müsste doch heißen, wie geht es dir, wenn er jetzt doch eine Konversation mit mir führen möchte. „Der geht es gut!“ antworte ich. „Grüß sie mal lieb von mir!“ Garantiert nicht, das würde nur wieder sämtliche Fragen zu Hause aufwerfen. „Hör auf zu grinsen, du bist echt blöd!“. „Sorry!“ und es ist wieder still.

„Wir haben wieder weiße Farbe!“ tönt es aus dem Flur und der Schlumpf kommt um die Ecke, er prustet sofort los vor Lachen. Haben die heute alle einen Clown gefrühstückt? „Anni!“ und auch Tabi stimmt in den Lachkanon mit ein. „Anni, hihihih…!“ Hihihi, waaas und gucke die gackernen Hyänen etwas entnervt an. „Das ist keine Gesichtsmaske, hihihi…!“ und Tabi kringelt sich. „Hast du Jonas gegessen…, ach nee, da ist er ja!“ und Tobi zeigt mit dem Finger auf mich. „Bitte?“ „Guck dich doch mal an!“ Das brauche ich nicht wirklich, denn das trockene Gefühl auf der Haut hat seinen Grund und zücke mein Handy, im Display spiegelt sich ein rotes Gesicht, mein Gesicht… und zwei neue Nachrichten. „Jonas!!!“ von wegen alles weg, er hat die Farbe schön verteilt, mein Ohr ist auch betroffen, das hat er mit Absicht gemacht und bahne mir den Weg durch Folien ins Badezimmer. „Mach mir ja keine Flecken Vampy!“ höre ich Tabi aus dem Wohnzimmer rufen.

Na toll, ich sehe aus wie “Bloody-Face” und das schon den ganzen Nachmittag. Das Zeug geht nicht wirklich ab, Mist! „Brauchst du ein wenig Terpentin?“ und Jonas hält mir die Flasche unter die Nase. Terpentin ins Gesicht, garantiert nicht. „Nee, aber gut dass du mir keine Salzsäure anbietest!“ „Wer weiß!“ und setzt seinen Unschuldsblick auf. „Nein, Quatsch, Anni!!!“ und grinst. „Ja, klar!“ und wasche mich weiter. „Wir wollen heute Abend in die Schanze, bin nur ‘ne Woche hier… und ich habe nichts dagegen, wenn du auch mitkommst… ach, sorry für die Farbe, aber ich konnte nicht anders!“ und zieht triumphierend von dannen. Vor einem Jahr bin ich gerne mit ihm unterwegs gewesen, da hat er mich noch über die Pfützen getragen, jetzt würde er wohl sämtliche Gullideckel abmontieren und hoffen, das ich hineinfalle… Arsch, aber ich habe es verdient und checke meine Nachrichten. Na toll, Adonis will heute auch in die Schanze. Super! Hey, wir können ja alle zusammen gehen, als „Freunde“!

Bis zum nächsten Mal, Eure Anna-Lena 😉

Weiter geht es mit Zwei Hochzeiten und ein beinahe Todesfall!

Quellenangabe: Grafik: fotolia.com / © diavolessa

 

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