Bitte, bitte melde dich!

ACHTUNG: Fortsetzung von Schwedischer Beziehungstrip! Teil 2

Was zum Kuckuck ist das? Bessere Frage, wer ist das? Also mein Alter schon mal nicht, das ist klar. Blondes kinnlanges Haar, sonnengebräunter Teint und Ansätze eines neongelben T-Shirts. Mit seinem Perlweisslachen überstrahlt der Typ meinen kompletten Desktop, meine Ordner verschmelzen sich mit seinem T-Shirt und ich finde nichts mehr wieder. Mia!!! Oh, Mia!!! Bevor ich mich weiter darüber aufregen kann, dass ein namenloser Milchbubi mein Hintergrund schmückt, klingelt es an der Tür. Ist es denn schon, kurzer Blick auf die Uhr, die mir anzeigt, ja es ist schon so spät… na toll, in Jeans und Shirt, noch ohne Frisur und Make-Up, flitze ich zur Tür.

Im Treppenhaus vernehme ich ein Klicker-Klackern, also hohe Schuhe und entschwinde ins Bad. “Anni” hallt es aus dem Flur. “Bin im Bad!” und höre wie sie sich der Schuhe entledigt. “Puh, die bringen mich noch um.” und Tabi steckt ihren Kopf durch die Tür. Jetzt sind sie kastanienbraun, die armen Haare, immerhin sind sie wieder auf Kinnlänge angekommen, perfekt gestylt erinnert sie mich an Emma Peel von “Mit Schirm, Charme und Melone”. “Die Schuhe?” Tabi gähnt und lehnt sich an den Türrahmen. “Ja, die auch, arg!” gefrustet läßt sie sich auf den Boden sinken. “Was denn noch?” und pinsele mich weiter zu. “Männer!” “Oh, deswegen heute ganz in schwarz!” und ziehe meinen Lidstrich zu Ende. “Ärger an der Singlefront?” und löse die Augen vom Spiegel. “Ja!” schnauzt sie, “Das übliche, er meinte er meldet sich und seit über einer Woche nichts, ich bin sogar so bekloppt, dass ich immer wieder den Empfang überprüfe!” Ich mustere sie kurz und greife zur Mascara. “Hast  du dich auch schon selber angerufen?” und tusche meine Wimpern. Kurze Stille. Prüfender Blick von mir. “Ja, verdammt!” und ärgert sich über sich selbst. “Es könnte ja sein, dass das Netz zusammengebrochen ist?” und widme mich meinen Haaren. “Ha, ha, sehr witzig Anni, vielleicht hat er auch meine Nummer verloren!” ein Lächeln huscht über ihre Lippen. “Ja, oder er könnte spontan in Urlaub gefahren sein, das Flugzeug ist abgestürzt und er sitzt auf einer einsamen Insel, wo es kein Netz gibt, schlimmer noch, ein Hai hat ihn oder sein Mobilphone gefressen!” Sie lacht. “Der ist gut, aber vielleicht hatte er einen Unfall und liegt im Koma!” Wir gucken uns beide an und lachen, abrupt wird Tabi still, nachdenklich und die Traurigkeit verbreitet sich in ihrem Gesicht. ” Vielleicht hat er eine Freundin, Frau oder schon wieder eine Andere, Arschloch!” erbost verläßt sie fluchtartig das Badezimmer.

Ein trauriger Anblick, wie Tabi, auf meiner Couch, mit dem iPhone in der Hand, auf ihr Display starrt, in der Hoffnung dass es klingelt oder wenigstens vibriert. “Es ist unfassbar, drei Nachrichten habe ich ihm geschrieben, völlig unverbindlich und nichts, ich meine, man könnte ja wenigstens mal antworten. Diese Ungewissheit und das Warten bringen einen doch um!” Grimmig wirft sie das Handy unter die Kissen. “Oh, ich hasse ihn, Arschloch!” Arme Tabi, gerade wo ich etwas dazu sagen möchte, funkt sie mir dazwischen. “Anni verschone mich mit deinen ratgeberischen Fähigkeiten, er meldet sich nicht mehr, weil er kein Interesse hat, ich weiß das, bin schließlich keine Sechzehn mehr.” Stumm nicke ich ihr zu.

“Wer ist denn das, bisschen jung für dich, bisschen sehr jung?” Ah, Tabi hat mein neues Hintergrundbild entdeckt. “Der hat ja noch nicht einmal Haare am Sack, Anni wer ist das?” Ich setze mich zu ihr und oh, Mann, das Bild springt einem förmlich ins Gesicht. “Ja, wenn ich das wüsste!” Tabi amüsiert, “Hat Mia einen Freund?” “Bitte!!!” natürlich nicht, sie ist kurz vor zwölf und der Milchbubi, auch! Ihre Mundwinkel verziehen sich zu einem breiten hämischen Grinsen. “So, so, also ziert dein zukünftiger Schwiegersohn deinen Desktop, du musst ihn ja wirklich mögen, Surfertyp, die Kleine hat einen guten Geschmack, bist du sicher, dass du ihre Mutter bist?” und nimmt das Bild genauer unter die Lupe. “Seine Zähne, sind ja echt wahn…!” wie von einer Tarantel gestochen, springt Tabi auf, dreht sich blitzschnell um und wühlt zwischen meinen zierenden Sofakissen aufgeregt hin und her. “Wo ist es… … ah, da.” und hält triumpfierend ihr vibrierendes iPhone in die Höhe. Freudig sieht sie auf ihr Display und ihre anfängliche Euphorie weicht der puren Enttäuschung. Ja, von wegen keine Sechzehn mehr, die Hoffnung stirbt eben doch zuletzt.

“Arschloch!” höre ich sie schimpfen. Erneut vibriert ihr Smartphone. “Willst du nicht rangehen?” leicht irritiert legt sie das Handy zur Seite. “Nö!” und positioniert sich wieder auf dem Sofa. “Wer war das?” meinen Blicken ausweichend, lenkt sie auf ein anderes Thema. “Wann kommt Mia wieder?” irgendetwas stimmt nicht, dazu kenne ich sie schon zu lange. “Am Sonntag, ich habe das ganze Wochenende Miafrei, wer war das eben?” so leicht gebe ich nicht auf. “Und morgen willst du dann durch die Bars ziehen, wegen diesem, wie hieß er noch?” kurze Pause. “Fabian. Und du hast gerade eine Nachricht erhalten!” Leicht genervt sieht sie kurz nach, worauf das iphone erneut unter die Kissen wandert. “Meine Cousine Melli kommt mich nächstes Wochenende aus Augsburg  besuchen, ich habe ihr versprochen Hamburg zu zeigen, sie würde sich sehr freuen dich auch zu sehen.” Deine Ablenkungsversuche bringen dir gar nichts. Mit Mann und den Kindern, willst du nicht antworten?” Nervös wippt sie mit den Beinen auf und ab, erneut ereilt sie die Vibration. “Nee, sie kommt alleine.” und greift unter die Kissen, nachdem sie das Passwort eingegeben hat, kommt meine Chance und ehe sie sich versieht entwende ich ihr das Handy, noch während des Flüchtens öffne ich ihren Nachrichtenverlauf.

“Anni… gib mir sofort mein Handy wieder!” und nimmt die Verfolgung auf. Es ist gar nicht so einfach eine Nachricht zu lesen, wenn man damit beschäftigt ist, um den Tisch, Stuhl oder übers Sofa zu laufen, eine wackelige Angelegenheit und Tabi mutiert immer mehr zum Hulk. “Stephan: Wollten wir uns heute nicht treffen, würde gern meinen Abend planen oder hast du es vergessen?” Sehr interessant Tabi, aber geht ja noch weiter… Stephan: Also gehe jetzt in die Schanze, melde dich, dann kann man sich da ja treffen!” Sie bleibt stehen und das grün weicht einem rosigen Teint, eigentlich schon fast rot. In meiner Hand vibriert es, Stephan ruft an und ich reiche ihr das iPhone. “Geh ran.” “Nein.” womit das Handy in ihre Tasche wandert. “Wieso?” “Er wird schon merken, dass ich kein Interesse habe!” Aha, ja und ich hatte Mitleid mit ihr, unfassbar. “Arschloch!”, “Bitte?”, “Du bist auch ein Arschloch!” sie windet sich noch wie ein Aal, natürlich ist so eine Selbstreflektion brutal und ehrlich. “Das ist etwas völlig anderes!” Jetzt kommt der Punkt, wo sie versucht es sich schön zu reden. “Nein, es sind alles leere Versprechungen.” widerspreche ich. Geknickt senkt sich ihr Haupt nach unten. “Vielleicht steckt dein anderer Typ sein Handy auch unter das Kissen, wenn du ihn anrufst.” Das hat gesessen, Rübe ab. Zugegeben hin und wieder bevorzugte auch ich den Weg des geringsten Wiederstandes, ungern setzt man sich einer Konfrontation aus, aber gerade sehe ich beide Seiten und schön ist das nicht. Ja, Tabi – fressen und gefressen werden.

Hier geht es weiter mit:  Unverhofft kommt oft!

Quellenangabe: Grafik: fotolia.com / © diavolessa

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