Krawall und Remmidemmi!

ACHTUNG: Fortsetzung von Unverhofft kommt oft!

Ja, schäm und verkriech dich, sie hat ja selbst schuld und kann mir nicht erzählen, dass das keine Anzeichen für ein schlechtes Gewissen sind. Die Frage ist nur, wie lange möchte sie da jetzt verharren? „Tabi?“ Nichts. Mit der Freundin im Rücken, eine Lampe weiter, hinterm Sofa, lässt es sich nicht wirklich gut unterhalten, unauffällig durchforste ich die Bar, ich glaube der Typ mit der braunen Lederjacke muss Stephan sein, zumindest ähnelt er dem Foto bei WhatsApp.

Ich verstehe Tabi nicht, denn eigentlich ist es genau ihr Typ, etwas kräftiger, sportlich, weiche Gesichtszüge, dunkelblond und bevorzugt den Casual-Look, zumindest heute Abend und scheint sich sehr angeregt mit einem seiner Freunde zu unterhalten, aber Aussehen ist ja bekanntlich nicht alles. Oje, das war etwas zu auffällig, denn Stephan blickt nun direkt zu mir, er lächelt und … prostet mir zu. Meine Mimik erstarrt, meine Mundwinkel zucken kurz zur Seite und ich hebe mein Glas. Er lächelt erneut und sieht zu dem Platz neben mir, der leer ist! Nein! Er steht auf, klopft seinem Freund auf die Schulter. Vielleicht muss er ja aufs Klo. Nein, daran ist er vorbei und kommt… direkt auf mich zu. Ich glaube gerade ist mein Herz stehen geblieben, zumindest habe ich mit dem Atmen aufgehört. Ich merke, wie mein Kopf kurz vorm Platzen ist. „Hi, ist hier noch frei?“ mit einer freundlichen Stimme. Unfähig etwas zu sagen, mit dem Blick eines verschreckten Rehs, starre ich ihn regungslos an. Mein Hirn hat sich soeben abgemeldet. Er steht immer noch vor mir, es könnte langsam peinlich werden und nicke zaghaft, um ihn zu erlösen. Neeeeein, was mache ich denn und er setzt sich neben mich, wo jetzt eigentlich das feige Huhn sitzen müsste.

„Hi, ich bin Stephan.“ Wenn er wüsste, dass ich das schon weiß! Mir wird ganz heiß. „Anna-Lena, ich habe einen Freund.“ kommt es, wie aus der Pistole geschossen. Er hat wirklich sehr weiche Gesichtszüge, aber jetzt wo er mir so nahe ist, erkenne ich die Falten, wo er mit einem Schlag zehn Jahre älter wirkt, ich schätze ihn auf Ende dreißig, so Richtung vierzig. Er grinst. „Aber man kann sich doch trotzdem unterhalten.“ und nimmt platz. Ja, jetzt bin ich wohl so richtig interessant – als Vergebene. In meiner Handtasche vibriert es, kurz darauf noch eine Nachricht. „Sorry, ich muss da ran.“ und greife in meine Tasche. Oho, Nachrichten aus dem Untergrund:

„ich kann euch sehen!“                                                                                                      
„was machst du da?“                                                                                                           
„willst du mich ärgern?“

 

Unter Tabis Argusaugen fühlt sich die ganze Situation noch angespannter an, in was bin ich da schon wieder hineingeraten und antworte ihr kurz. Stephan rückt ein Stück näher, „Möchtest du etwas trinken?“ Atmung flach. „Danke, ich habe noch.“ und zeige auf mein halb volles Glas Wasser. Wie werde ich ihn los und bitte nicht erst in zehn Tagen. Sein Aftershave umhüllt meinen Geruchssinn und mein Smartphone meldet sich zurück. Er blickt zu meinen Händen, die das Handy fest umklammern und leuchten. „Na, da scheint jemand aber ganz schön hartnäckig zu sein.“ Etwas bedrückt, „Ja, mein Freund.“ und checke meinen Posteingang. Sechs neue Nachrichten, ein Nachteil wenn man kein WhatsApp hat, jeder Satz wird sofort versendet.

„nein, was machen wir jetzt?“                                                                                                  
„hast du einen plan?“                                                                                                           
„du musst ihn ablenken“                                                                                                        
„dann geh ich aufs klo“                                                                                                      
„nein, warte“                                                                                                                            
„meine beine sind eingeschlafen“

 

Anstatt einfach Farbe zu bekennen, möchte sie jetzt daraus eine Agentennummer machen und ich decke sie auch noch. Ich bin mal wieder zu nett. „Melde dich, wenn sie wieder wach sind.“ Irgendwie erinnert mich das Ganze an die Palmenaktion, mit mir als Hauptdarsteller. Na ja, Stephan scheint wirklich nett zu sein und Tabis Ignoranz, scheint ihn nicht all zu sehr hinunterzuziehen, dann lenke ich ihn mal ab. Ich muss sagen die Unterhaltung empfinde ich als sehr angenehm. Er hat einen Hund, ok, Tabi mag keine Tiere, sie hatte mal Meerschweinchen bekommen und hätte ihr Bruder sich nicht darum gekümmert, wären die keine Woche alt geworden. Er spielt gerne Fußball, sie hasst Fußball, außer es ist EM oder WM, dann kennt sie sogar die Spielernamen.

Sie an, im Augenwinkel beobachte ich eine geduckte Gestalt, die sich blitzartig erhebt. So, so, der Affe ist wieder zum Menschen geworden. Die Augen zu uns gerichtet, versucht sie so schnell wie möglich unentdeckt von der Bildfläche zu verschwinden. Leider hat sie in ihrem Eifer den Stehtisch übersehen, mit dem sie genau… jetzt, kollidiert. Der Tisch kann ihrer Schnelligkeit und Körpergewicht nicht standhalten und kippt nach hinten. Ich müsste Stephan jetzt küssen, damit er nichts mitbekommt, tja, ich habe ja jetzt einen Freund! Tabi versucht noch ihr Gleichgewicht zu halten, verzweifelt hält sie sich am Pfeiler fest, vergebens und kracht, wie ein nasser Sack, samt Tisch auf den Boden. Emma Peel hat es erwischt. Yeah, Krawall und Remmidemmi, denn die Gläser fallen klirrend auf den Boden und zerspringen in viele einzelne Glassplitter. Eiswürfel rollen und die Inhalte, der Getränke, ergießen sich auf dem Dancefloor. Jeder, wirklich jeder, schaut jetzt auf meine Freundin, die dekorativ über den Tisch liegt. Ich hoffe sie hat sich nicht weh getan. Auch Stephan ist das Desaster nicht entgangen, er springt sofort auf und eilt ahnungslos hilfsbereit zu Tabi, vielleicht würde er sie sonst am Boden liegen lassen. Ein wahrer Gentleman.

Die Suppe hat sie sich selbst eingebrockt und darf sie jetzt auch gerne alleine auslöffeln. Ich habe mein Bestes getan, aber kleine Sünden werden manchmal sofort bestraft. Ich nippe an meinem Glas Wasser, lehne mich ins Sofa und genieße die Show. Sein Blick, ihr Blick – einfach unbezahlbar.

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Quellenangabe: Grafik: fotolia.com / © diavolessa

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