O du fröhliche, mit einer schrecklich netten Familie!

Heute ist der 24. Dezember, tja Schnee in Hamburg fällt dieses Jahr aus. Es ist neun Uhr morgens, erst einmal ganz entspannt duschen. Ah, nee, wieso ist der Pott schon wieder leer? Oh, das kann doch nicht wahr sein … Mia … unglaublich in nur vier Tagen hat sie die Hälfte meiner kostspieligen Haarkur eliminiert …! Na warte, das gibt Ärger!

Kaum aus der Dusche raus trifft mich gleich der nächste Schlag, auf dem Spiegel und dem Fenster sind überall Herzen mit dem Finger gemalt… Mia…! Super, kann ich gleich noch einmal putzen, ich mache das ja auch nur so zum Spaß und wo ist mein Bademantel? Mit einem Handtuch leicht bekleidet und Puschen an den Füßen, „Kalt, kalt, kalt!“ schleiche ich den Flur entlang und betrete das Zimmer, des Übeltäters. In dem Raum ist es stockfinster und ich höre ein leises, ruhiges gleichmäßiges Atmen, sie schläft. Der einfallende Lichtspalt erleichtert mir die Suche und natürlich werde ich sofort fündig und schnappe mir meinen lila Bademantel, der über einem Stuhl hängt. Endlich eingemummelt betrete ich die Küche, nur noch 3 Minuten bis zu meiner Latte Macchiato. Die war doch gestern noch voll und wer zum Teufel stellt bitte eine leere Milchtüte wieder in den Kühlschrank?

„Oh, Mia!“ Ich meine dieses Brett, wo man fehlende Sachen aufschreibt, ist auch nur zur Deko da! Toll, keine Milch, keine Latte Machiato. Nachdem die Nägel lackiert, meine Haar geföhnt und auf Lockenwickler aufgedreht sind, kommen wir nun zur nächsten Station, was ziehe ich an, aber ich habe da schon etwas vorbereitet, das kleine Schwarze, ärmellos und das Oberteil mit zierlichen schwarzen Pailletten bestickt, ab der Taille fällt der Rock in drei Volants bis zehn Zentimeter übers Knie, ein Traum. Mmm, wo ist denn meine neue Strumpfhose, die hat ein Loch…. die eine Masche, Loch, Loch… warum behalte ich eigentlich immer wieder die kaputten Nylons, ja, man könnte sie mal unter einer Jeans tragen und da die Fehler an verschiedenen Stellen sind, behält man sie einfach mal alle, aber keine heile für ein Kleid dabei… „Miaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!“ schreit es aus mir heraus.

Kurz zu meiner Mitbewohnerin, ich habe sie sehr gern, obwohl sie ist arbeitslos, zahlt keine Miete, verschmutzt bergeweise Wäsche, hält nicht viel vom Haushalt, schläft gerne lang, strapaziert meine Nerven, hält sich absolut nicht an die Hausordnung und das seit elf Jahren. „Miaaaaaaaa!“ hallt es erneut durch die Räume, auf meinem Wohnzimmertisch häufen sich 3 Joghurtbecher, ein Glas halbvoll mit Milch, Chipstüte… OFFEN, die hatte ich doch versteckt. So, mittlerweile peile ich die hundertachtzig an, zweihundert, ok, ich muss mich beruhigen, haha, wenn das so einfach wäre. Musik, langsame beruhigende Musik, ah, da haben wir sie ja und lege meine uralte Mariah Carey – Merry Christmas CD ein. Erstes Lied: Silent Night, perfekt zum Runterkommen und stimme laut mit ein. „Silent night, holy night! All is calm, all is bright…!“ Hundertfünfzig, draußen vernehme ich ein Tapsen, es kommt näher, hundertzwanzig, die Tür geht auf und summe die Melodie leise mit, neunzig.

Vor mir steht mein Mini-Me, wobei ihr nur noch zehn Zentimeter zu meinen 1,72 fehlen, das lange, zerzauste, glatte braune Haar fällt ihr ins Gesicht und erinnert einen an Samantha, aus „The Ring“, dreißig. „Guten Morgen!“ mit ruhiger, sanfter Stimme und schaue auf die Uhr, wir haben es schon nach elf. Es folgt ein kurzes „Morgen!“ und ah, ja, sie hat ein Gesicht. Ich fahre fort und gehe mit ihr mein Morgen durch, weise sie auf das Chaos auf dem Tisch hin und meine bisher spurlos verschwundene neue Strumpfhose und das alles ganz ruhig, dank „Stille Nacht, heilige Nacht!“. Sie guckt mich an und ich ahne schon was auf mich gleich zukommt, das Pubertier! Gestern noch ein charmantes kleines Ding und nun das! Sprüchen wie: „Ich bin nicht faul, ich befinde mich nur im Energiesparmodus“, „Mama, chill mal dein Leben!“ oder „Hausarbeit ist auch Arbeit und Kinderarbeit ist in Deutschland verboten!“ bin ich tagtäglich ausgeliefert und jeden Tag bringt sie neue Antworten und Weisheiten aus der Schule mit, halleluja!

Ihre Augen werden größer und aus ihr bricht ein knappes „Ok!“ räumt die Sachen weg und entschuldigt sich für den rapiden Verbrauch meiner Kur. Hä und bleibe mit einem riesigen Fragezeichen zurück, das war jetzt aber einfach und warte auf den Haken. Sie kommt wieder zurück. „Ich sag Papa Bescheid, er soll uns noch zwei Strumpfhosen besorgen!“ „Du schickst Papa Heiligabend in einen Laden, der wird sich freuen!“ Sie blickt kurz von ihrem Handy hoch „Für mich macht er das gerne!“ und tippt eine Sms. Für alle, die jetzt denken, hier herrscht Friede, Freude, Eierkuchen… ja, so könnte man den Zustand derzeit durchaus bezeichnen, aber das war ein langer Weg.

Ich habe mich zwar getrennt, aber erst nachdem er zum wiederholten Mal, ein Auswärtsspiel mit einer anderen Frau hatte. Man, war ich sauer und am liebsten hätte ich ihn aus meinem Leben ausradiert, aber Mia liebt ihren Papa und er hat schließlich nur als Partner versagt, nicht als Vater, mit Hilfe sprang ich über meinen Schatten und habe jetzt fast jedes Wochenende Miafrei. Ihre gemeinsame Leidenschaft „Fußball“ führt sie auch in der Woche zwei mal kurz zusammen, er ist ihr Trainer und sie seine Prinzessin und ich bin froh darüber. Es ist nämlich nicht selbstverständlich, dass sich ein Vater um sein Kind kümmern möchte und erachte das mittlerweile als einen Glücksfall, den ich sehr zu schätzen weiß, inklusive Machtspielen, gegenseitiges Austricksen der Eltern und, und, und …. Auch wenn man als Paar versagt, hat man die Aufgabe als Eltern weiterzumachen!

Ich stehe da wie angewurzelt und warte immer noch auf das Aber. „Mam, alles ok?“ ich mustere sie und bringe ein zögerliche „Jaaa!“ über die Lippen und „Wo ist der Haken?“. Sie lächelt, „Welcher Haken!“ „Na, jaaa, also ich finde es prima, dass du alles ohne zu murren gemacht hast!“ Ihre großen blau-grünen Augen verdrehen sich „Oh, Mam, es ist Weihnachten!“ und umarmt mich. Mein Herz hüpft, das Pubertier mag Weihnachten. Im Hintergrund wird das zweite Lied angspielt „All I want for Christmas is you“ und da geht es mir wohl wie jeder anderen Mama auch, egal wie sehr sie mich auf die Palme bringt, ist sie das beste, was mir je passiert ist. Wir fangen an im Takt zu wippen und singen gemeinsam den Text mit:

 “I don’t want a lot for Christmas
There is just one thing I need
I don’t care about the presents
Underneath the Christmas tree
I just want you for my own

More than you could ever know
Make my wish come true oh
All I want for Christmas is you“

und wirbeln im Kreis umher, sie lacht und zwischendurch verknoten wir uns, mein erster Lockenwickler verlässt den Kopf und immer weitere Tanzschritte folgen. Ausgelassen albern wir herum bis Mia aufgrund meiner Wirbelakrobatik im Tannenbaum landet. „Boy George“ unser pinker, glitzernder, schriller Tannenbaum verliert das Gleichgewicht und kippt zur Seite auf die Couch, sämtliche Kugeln rollen über das Laminat. Na toll, erst den Weihnachtsstern und jetzt hat es auch noch den Baum zerhauen. Mia liegt am Boden und kommt vor Lachen nicht mehr hoch.

Mittlerweile herrscht Zeitnot es ist bereits nach vier und Thomas, Mias Papa, ein 1,84 großer sportlicher Typ, mit blondem kurzen Haar, markantem Gesicht, in einem grauen Anzug, ist im Wohnzimmer damit beschäftigt „Boy George“ wieder auf Vordermann zu bringen. „Thomas ich hoffe du hälst dich an unsere Abmachung – kein Iphone, ansonsten!“ und zeige mit meinem Finger den Hals quer entlang. „Anna-Lena, ich verstehe das zwar nicht, aber du weißt wie sehr ich an meinem Leben hänge!“ und zwinkert mir zu. „Dann ist ja gut!“. Mia betritt das Zimmer, Thomas bleibt fasst das Herz stehen, spätestens jetzt wird ihm bewusst, das unsere kleine Mia, kurz vor zwölf einen Schritt Richtung Frau macht, in ihrem blauen A-Kleid mit Perlen besticktem Kragen, sieht sie aus, wie eine kleine Dame.

Thomas stockt „Mia, bist du geschminkt!“ „Jaa, Mama hat es erlaubt!“ und sie verlässt den Raum, zwei grimmige blaue Augen schauen auf mich hinunter. „Ja, aber nur ganz wenig, Mascara und etwas Rouge.“ versuche ich mich zu retten. „Aha und das findest du in Ordnung, sie sieht aus wie du, nur in jung!“ „Danke, das hast du sehr nett gesagt. Es ist ein besonderer Anlass.“ „Oh, Mann, ich komme damit nicht klar!“ Ich lächle „Ich weiß, ich auch nicht!“. Mia stöckelt auf meinen sechs Zentimeter hohen lila Pumps ins Wohnzimmer. Thomas und ich wechseln kurz den Blick, schütteln den Kopf und gleichzeitig im Chor: „Nein, keine hohen Schuhe!“. Auch ihrem Hundeblick halten wir gemeinsam stand und sie schlüpft mürrisch in ein paar schwarze Ballerinas.

Wie jedes Jahr feiern wir bei meinen Eltern, nicht, dass wir eine große Familie sind, zumindest vom Verwandtheitsstatus, denn da sind nur noch meine Großeltern, feiern wir im großen Kreise. Als 1990 Tills Vater ihn und seine Mutter verließ und aus deren Leben verschwand, konnte meine Mutter nicht mit dem Gedanken leben, dass sie Weihnachten alleine sind und seitdem feiern wir jedes Jahr zusammen, seit acht Jahren mit Uschis neuem Ehemann . Mia’s Geburt gab den Anlass, dass Thomas sein Fest mit unserem fusionierte, denn schließlich wollten seine Eltern auch dabei sein, wenn der Weihnachtsmann kam und als Bonus gab es seine Omi oben drauf. Jetzt sind wir dreizehn und falls Thomas oder ich noch eine weitere Familie gründen sollten, dann müssen wir uns einen Saal mieten, die Worte meiner Mutter.

Die mir wie immer an diesem Tag huschi-wuschi entgegenkommt, Tills Mama hilft ihr bei den Vorbereitungen und natürlich sind alle schon anwesend und wir werden herzlich in Empfang genommen, allen voran Mia. Sie ist unser Jesuskind und der Grund, weswegen wir hier alle zusammen finden, was wäre Weihnachten ohne Kinder, ich kann es mir gar nicht mehr vorstellen. Wobei ich manchmal mit dem Gedanken spiele, ihr ein Ticket für den Mond zu schenken, aber viel zu teuer! Nein, eine Person fehlt – Till, ich habe immer noch nichts von ihm gehört und damit gerechnet, ihn hier zu treffen, immerhin ist Mia sein Lieblings-Patenkind.

Kaffee und selbst gebackene Plätzchen sind vorbei und wir nähern uns dem Heiligabend, Mia hatte schon ihre Bescherung und juhu, kein Iphone! Ich unterhalte mich gerade mit Thomas Mutter, als es plötzlich an der Tür poltert, Mia ist die erste die zur Tür rennt. Sie kommt wieder zurück „Wer war das!“ Sie lacht, „Der Weihnachtsmann!“ und ich höre laute, schwere Schritte die näher kommen und tatsächlich durch die Tür kommt ein Mann, mit rotem Mantel, Hose und einem großen Leinensack über der Schulter. Mit verstellter Stimme ruft er in das Zimmer „Ho, ho, ho!“ mit brummiger Stimme „Also liebe Mia, ich komme gerade von zwei anderen Kindern, kannst du mir denn auch ein Gedicht vortragen?“ Mia’s Gesichtsfarbe lässt nach, ihr ist das alles etwas peinlich. „Oh, Till, ich weiß das du das bist!“ und wackelt auf den Beinen beklemmt hin und her. „Na, na, na… ich möchte ein Gedicht hören!“ und bleibt hartnäckig.

Mia schaut hilfesuchend in die Runde. „Mama ich bin fast zwölf und kein Kind mehr, ehrlich das nervt voll ab!“ Till flüstert ihr etwas zu. Mia lacht „Ok, also lieber guter Weihnachtsmann…!“ Alle sind entzückt und Mia packt ihr Geschenk aus. Wehe ein Iphone, wehe… „Eine Ice-Watch!“ Gott sei Dank. Obwohl ich nur einen kurzen Blick auf Mia’s neue Uhr riskiere und in den Flur eile, ist der Weihnachtsmann verschwunden, ich gehe zur Haustür und blicke etwas wehmütig in die Nacht. „Suchst du jemanden?“ Mit einem Ruck fährt es durch meinen Körper und mir wird ganz warm ums Herz. „Till!“ Da ist er und sieht sehr adrett in seinem schwarzen Anzug aus. „Es tut mir…!“ er hält seinen Finger auf meine Lippen „Pst, ich habe sämtliche Nachrichten erhalten, als eine Taube auf meinem Balkon war, dachte ich im ersten Moment, jetzt schickt sie mir auch noch eine Brieftaube!“ Er nimmt mich in den Arm „Ich kann nicht ewig auf dich sauer sein, übrigens bekomme ich einen Kasten Bier von dir.“

„Hä, wieso?“ „Na, du hattest doch dagegen gewettet, das ich Mia dazu bekomme, ein Gedicht auf zu sagen.“ Ach ja, die Wette, eine Schnapsidee sozusagen. „Ja, stimmt, aber die war mit dir und nicht mit dem Weihnachtsmann!“ er zögert „Ok, Sixpack, immerhin habe ich für ein kleines Wunder gesorgt!“ Ich nicke und Mia platzt in unsere traute Zweisamkeit, „Mama, Till, wir müssen jetzt singen!“ verdreht ihre Augen, um sich anschließend zu erhängen. „Oh, Mia!“ und erhebe meine Stimme, Till grinst nur „Sie ist genau wie du damals!“ mein Kopf verneint das. “Echt, war ich so schlimm?“ er nimmt meine Hand, „Schlimmer, viel schlimmer, aber sie tut nur so, ist halt voll uncool!“ er lacht erneut und wir treten vor die versammelte Mannschaft, die sich bereits beim Tannenbaum positioniert hat. Auch wenn Mia, auf cool tut, gefällt ihr der Weihnachtszauber, sie strahlt über das ganze Gesicht, unabhängig von ihren aufhängenden Gestiken und wir stimmen alle zusammen „O du fröhliche“ an.

Ich wünsche Euch allen ein fröhliches Weihnachtsfest und dass ihr diese Tage mit Euren Liebsten verbringt, wer auch immer das für Euch ist: Fröhliche Weihnachten!

Bis zum nächsten Mal Eure Anna-Lena 🙂

Weiter geht es mit: Schwedischer Beziehungstrip!

Quellenangabe: Grafik: fotolia.com / © diavolessa

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