Anna-Lena’s Single-Geschichten: Spieglein, Spieglein!

Es ist kalt geworden oder kommt mir das nur so vor? Während ich schon eingemummelt in meinen Wintermantel, Mütze und Schal durch die Straßen gehe, kommen mir immer wieder Exemplare entgegen, die den Temperaturen anscheinend mit Sommerjäckchen oder Mäntelchen trotzen wollen. Brrrr, und ein kalter Schauer überkommt mich bei diesem Anblick. Zugegeben ich bin eine Frostbeule und empfinde Temperaturen erst ab 28 Grad als angenehm, die wir leider viel zu selten in Hamburg haben. Also Sommer vorbei, mitten im Herbst und schon kurz vor Winter, befinde ich mich auf direktem Weg zu meinem Lieblings-Italiener, er ist direkt gegenüber von der Agentur und profitiert von unserer Mittagspause, denn neben dem Pixel-Hin-und-Hergeschubse, muss man auch mal etwas essen und der Latte Macchiato ist hier ausgezeichnet.

Mein Tag bisher war besch….. nicht nur, dass ich einen neuen Art-Direktor vor die Nase gesetzt bekommen habe, ein arrogantes, welches sich für unwiderstehlich hält, leider intelligentes Arschloch. Darf ich mir nebenbei noch das Gejammer meiner lieben, aber absolut naiven Kollegin Vanessa anhören und zur Krönung kommt gleich Till hierher und erzählt mir, wie viele Frauen er diese Woche flachgelegt hat um sich von Alex, die ihm den Laufpass gab, abzulenken. Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen, das gibt immer nur Probleme und ich darf sie mir alle anhören, als wenn ich nicht selber welche hätte. Huch, das klingt jetzt aber etwas depressiv. „Ciao Guido!“ und ich betrete das kleine rustikale, mit sehr viel Liebe eingerichtete Restaurant. „Ciao Anna!“ begrüßt mich der Chef persönlich. Mit meinen Stiefeln, die einen Absatz von 8 cm messen, bin ich einen halben Kopf größer als er und irgendwie erinnert er mich an Napoleon, ich glaube es ist die Nase und seine Frisur, denn mit seiner herzlichen Art, hat er so gar nichts mit dem machtgierigen französischen Staatsmann, später Kaiser, gemein, außer vielleicht ihre toskanischen Wurzeln. Überall an den Wänden hängen eigene Fotografien der Toskana, es ist eigentlich ein Wunder, dass ich bisher nicht direkt danach eine Reise buche. Er geleitet mich zu meinem Tisch, hier sitze ich immer, ich habe direkten Blick zum Eingang und einen lichtdurchfluteten Fensterplatz. „Was darf es heute sein?“ und seine braunen Knopfaugen warten auf meine Bestellung. „Ich warte noch auf jemanden, aber ein Wasser nehme ich gerne.“ Er nickt kurz und verschwindet hinter der Theke.

Ich sollte mein Wasser gegen Whiskey eintauschen, um wieder in Stimmung zu kommen und die Geschichten meines Vollzeit-Casanovas besser ertragen zu können. Wenn man gerade an den Teufel denkt, ist er auch schon da, aber gegenüber seinem sonstigem Auftreten, liegt irgendwie ein Schatten, er sieht gar nicht gut aus, fahles Gesicht, leerer Blick und das Glänzen in seinen Augen verschwunden. Kaum hingesetzt kommt auch schon Guido mit den Speisekarten zu uns. Er wiegelt ab, „Danke, für mich heute nicht!“. Ein untypisches Verhalten, Till hat immer Hunger! „Was ist mit dir denn los, keine Pizza oder Pasta?“ und zwicke ihn neckisch in den linken Arm. Er schaut auf „Ich glaube ich werde krank, habe gerade kein Hunger!“ „Ich hoffe du steckst mich nicht an!“, wobei so eine Magengrippe ist auch immer wie eine kleine Diät, bloß der Joyo-Effekt schlägt anschließend erbarmungslos zu.

„Also bist du jetzt extra hierher gekommen um mich zu infizieren oder warum willst du meine Mittagspause mit mir verbringen?“ er schaut mich etwas genervt an „Ich darf dich doch wohl noch sehen dürfen?“ „Ja, klar, ich meine wir treffen uns ja auch so selten!“ entgegne ich ihm etwas schnippisch. Unser letztes Treffen liegt nämlich schon Tage zurück, genau genommen sind es vier, seit Sonntag, da kann einen die Sehnsucht nach seiner besten Freundin schon mal packen. „Wie war dein Tag?“ und er stellt die Weichen auf Smalltalk. „Naja, ich habe einen neuen Kollegen, unfreundlich, überheblich, mit Schmierfrisur nach hinten gegelt, Polohemd mit Pferdchen auf der rechten Brust und bewegt sich wie ein aufgeblasener Gockel in Paarungsstimmung.“ Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. „Oho, was hat er dir getan, dass du so angeregt von ihm sprichst?“ „Er hat mich „Püppchen“ genannt und erwartet, dass ich ihm den Kaffee bringe!“ gefrustet lehne ich mich in den Stuhl. „Aha, er hat dich degradiert!“ amüsiert schnappt er sich mein Glas Wasser.

„Und bekam er sein Kaffee?“. „Natürlich nicht, ich habe ihn dezent darauf hingewiesen, dass das nicht in meinen Aufgabenbereich fällt und es sich jeder hier selbst macht!“ Er lacht: „Das hast du genau so gesagt!“ „Ja, haha, natürlich versteht jeder nur das Eine, sexbesessenes Volk!“ Welch Faupas in meinem Vokabular! „So, so, die Emanze schlägt zurück!“ und genüsslich leert er das Glas. Ich schüttel verhemend den Kopf, denn ich empfinde mich nicht als Emanze. „Und bei dir?“ Sein Lachen verzieht sich zu einer emotionslosen Miene. „Ach, ja, alles gut soweit!“ unsere Unterhaltung wird durch das Summen und Vibrieren meines Handys unterbrochen. „Willst du nicht ran gehen?“ „Nein, das ist unhöflich, ich melde mich später!“ und lege es beiseite. „Alles gut, das ist doch schön!“ er blinzelt, „Ja, bei mir, … aber ein Bekannter von mir wurde gerade von seiner Freundin verlassen, dem geht es jetzt nicht so gut! Ich habe ihm von dir erzählt und er würde gerne mal die weibliche Sicht dazu erfahren!“ sehe ich da einen kleinen Schimmer von Hoffnung. „Ah, ein Bekannter, natürlich müsste ich die ganze Geschichte kennen, um etwas dazu sagen zu können!“

Ich werde öfters um Rat gefragt, aber dass Till einem Bekannten in Sachen Liebe helfen möchte, wäre mir neu und da im Verlauf unseres Gesprächs immer mehr Parallelen zu seinem Dilemma auftauchen, bin ich mir mittlerweile ziemlich sicher – TILL hat Liebeskummer! Seitdem wir uns kennen, habe ich mir immer eine Regung von Emotionen von ihm erhofft und jetzt weiß ich gar nicht, ob ich lachen oder weinen soll, immerhin hat er es mit seinem destruktiven Verhalten verbockt. Er hat Gefühle! Seine Appetitlosigkeit ist kein Virus, es ist der Kummer und schlafen kann er nicht, weil sein Hirn nachts lauter Gedanken produziert. Mit dem Schutzschild „Bekannter“ geht er sogar ins Detail, sehr sachlich natürlich, er vermisst sie, seine Bettdecke riecht noch nach ihr, weswegen er sie nicht waschen möchte und gerade auf ihrer Seite schläft, was er als völlig verrückt von seinem „Bekannten“ empfindet. Ja, wenn man verliebt ist, macht man schon verrückte Sachen und wenn dann noch der Kummer hinzu kommt, geht man hin und wieder auch als geistesgestört durch, zumindest wenn es nach den Freunden geht.

Wow, er hat ihr drei Nachrichten geschickt, worauf keine Antwort mehr kam, er hat sie sogar angerufen, wo nicht abgenommen wurde. Wir reden hier von Till, ich würde dieses Verhalten als das achte Weltwunder bezeichnen. Normalerweise verhält er sich ja eher passiv gegenüber dieser Materie. „Till!“ und unterbreche ihn in seiner Maskerade. „Bist du nicht derjenige, der mir einen Überschwall an emotionaler Intelligenz nachsagt… die fühlt sich gerade etwas beleidigt oder gehe ich seit neuestem als hirnamputiert durch?“ Stille und er rutscht auf seinem Stuhl hin und her. „Ja, verdammt, nein!“ „Also können wir den „Bekannten“ jetzt beim Namen nennen?“ Seine Augenbrauen verziehen sich, er murmelt etwas vor sich hin, was ich als „Ja“ verstehe. „Als erstes, du hast Liebeskummer.“ Schon bei diesem Wort herrscht bei ihm akuter Brechreiz. „Du bist verzweifelt.“ Ich lächle, was er so gar nicht witzig findet. „Und du kommst mit deiner Gefühlswelt nicht klar!“

Ich hätte nie gedacht, dass ich diesen Satz, sein Satz, den ich mir ständig anhören muss, mal zu ihm sage. Treffer und gesunken! Er würdigt mich keines Blickes, wie ein trotziges Kind starrt er auf den Boden, der Mann ist fast 34 Jahre. „Till, es ist völlig in Ordnung, dass du zum eins – zwei – dritten Mal verzweifelt bist, gegenüber meinen -zigtausend!“ „Das mit meinem „Vater“ zählt nicht und Jenny, da war ich 17, noch ein Kind!“. Ja, als wir Kinder waren, dachten wir wirklich, wenn wir erwachsen sind, dann ist alles gut und die Verletzungen hören auf, Pustekuchen! „Aber sie haben dir weh getan und dich verändert, besonders dein „Vater“, seitdem hast du dir immer mehr eine Rüstung aufgebaut, aber mit Alex hast du selber schuld!“ Er blickt kurz zu mir auf „Aha, Frau Doktor und was kann ich jetzt tun?“ „Die Frage ist doch viel mehr, was willst du, ist es nur dein Ego, was damit jetzt nicht klar kommt oder geht es um Alex?“ „Alex!“ „Bist du dir da sicher?“ Er nickt und stibizt sich eine Tomate aus meinem Salat. „Dann sei ehrlich und entschuldige dich bei ihr, es ist so wichtig ehrlich zu sein, vor allem du hast nichts zu verlieren und manchmal muss man eben etwas riskieren!“

Seine Augen sind weit aufgerissen „Entschuldigen…!“ Erneut klingelt mein Handy, welches ich ignoriere. „Du willst wirklich nicht rangehen?“ „Nee, wir sind doch gerade bei deinen Problemen und nicht bei meinen!“ Er lächelt „Ok!“ Oje, wenn Till jetzt wirklich vor hat Alex zurück zu gewinnen, dann sollte ich ihm den Kuss mit dem anderen wohl nicht verschweigen! „Sehen wir uns morgen bei der Einweihungsparty?“ Ich wünschte er hätte dieses Thema nicht angesprochen. „Ich denke nicht, Mia hat am Samstag ein Spiel, das letzte vor der Winterpause und ich habe versprochen zu kommen.“ Sein Grinsen wird breiter „Ausrede, er ist der Anrufer und du bist zu feige um abzusagen, denkst du noch darüber nach oder steht deine Entscheidung schon?“ Ich hasse es, wenn Till mein Spiegel ist, immerhin bin ich diejenige die für Moral, Anstand und Respekt plädiert, aber gerade mehr sein Verhaltensmuster praktiziere. Es ist immer leichter gesagt, als getan und wenn man weiß, dass man jemanden enttäuscht, möchte man sich dem ungern stellen, weil man ja selber weiß, wie derjenige sich danach fühlt. Ein Teufelskreis!

„Ja, ich muss es ihm sagen, ich weiß!“ „Es wird ihm das Herz brechen!“ und fasst sich dabei an seine rechte Brust. Sehr lustig, „Du bist nicht gerade sehr hilfreich!“ „Nein, im Ernst er mag dich und versteht nicht, warum du ihm nicht antwortest!“ „Ihr habt darüber gesprochen und genau so hat er das gesagt?“ Er schüttelt den Kopf „Ja, nein so hat er es nicht gesagt, aber es war die Quintessenz von dem was er meinte!“ „Na, toll, ich hasse mich jetzt schon!“ „Ja, schäm dich… quatsch, rede mit ihm, ich meine, du bist diejenige, die immer sagt, es ist besser zu wissen woran man ist, als es nicht zu wissen oder so!“ Treffer und gesunken! „Und Jonas!“ „Der fliegt am Samstag, also werde ich am Wochenende wieder ein kompletter Single sein.“ „Ja, und ich vielleicht in einer Beziehung!“ und sein lautes Lachen übertönt die Angst. Mir ist nicht zum Lachen, als Henker hat man ja auch nichts zu lachen… „Anni!“ „Sorry, mit einem Gewissen lebt es sich echt beschissen!“ und vergrabe das Gesicht in meiner Handfläche. „Was mache ich denn jetzt, schreibe ich ihr noch einmal, wenn ich anrufe geht sie nicht ran!“ Oje, „Du meinst das echt ernst?“ „Klar!“ Mein Gewissen steht kurz vor der Explosion. „Dann solltest du vielleicht noch etwas wissen!“ Ich erzähle ihm die ganze Geschichte von meinem Beinahe-Todesfall, wegen Alex, dem Typ und der Knutscherei.

Stille. Till starrt mich fassungslos an, schüttelt seinen Kopf und greift nach der Jacke. „Wow, Anni und das sagst du mir jetzt, ich dachte wir wären Freunde, wie war das mit Vertrauen und dem ganzen Scheiß von Ehrlichkeit, du bist echt schizophren…!“ er steht auf „Weißt du, das mit Alex ist ja nicht mal so schlimm, aber dass du es mir nicht gesagt hast, gibt es noch mehr was ich nicht weiß und mich betrifft?“ „Till, ich habe das doch nur nicht gesagt um dich nicht zu verletzen!“ Wütend flackern seine Augen, er schmeißt mir einen Zehner hin „Till!“ „Lass mich!“ und geht. Ich bin dann wohl die vierte, verdammt er hat recht, das mit der Ehrlichkeit ist nicht immer einfach und wenn es hart auf hart kommt, kneife auch ich…!

“Als wir Kinder waren, dachten wir, wenn wir erwachsen wären, wären wir nicht mehr verwundbar. Aber erwachsen zu werden, heißt, Verwundbarkeit zu akzeptieren… Am Leben zu sein heißt, verwundbar zu sein.” Madeleine L’Engle

Bis zum nächsten Mal, Eure Anna-Lena 😉

Weiter geht es mit: Girls just want to have fun!

Quellenangabe: Grafik: fotolia.com / © diavolessa
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.