Zwei Hochzeiten und ein beinahe Todesfall!

Oh man, mir ist immer noch schlecht und dieses Schnarchen bereitet meinem Kopf nur noch mehr Schmerzen. Ich sage immer wieder „Nein“ zum Alkohol, aber der hört mir nie zu! Ab sofort verordne ich mir mal wieder ein paar Monate Abstinenz, am besten von Allem. Die gestrige Nacht ist nur ein Vorreiter von dem was noch kommen könnte. Ich erinnere mich nämlich wie immer an alles.  Endlich, er hat sich zur Seite gedreht und mein Kopf bekommt etwas Ruhe. Wie sage ich immer so schön, die Karten werden jeden Tag neu gemischt und in dieser Nacht sind sie ganz schön durcheinander geraten. Wie ein Film zieht die Nacht noch einmal an mir vorbei.

Ich sitze in der „Kleinen Pause“ eine kleine Kneipe mit Imbiss und nippe an meinem Caipi, während Jonas ohne Hemmungen über seinen Burger herfällt. Seine braunen Locken fallen ihm ins Gesicht, er trägt eine viel zu tiefsitzende kaputte Jeans und sein türkisfarbenes Surfer T-Shirt ergänzt den legeren Look zu seinem gebräunten Teint. Tabi heute auch sehr casual, stochert in den Pommes und Tobi besorgt gerade die nächste Runde im Gedränge. Es ist kurz vor Mitternacht, etwas unruhig wippe ich auf meinem Stuhl hin und her und schaue immer wieder auf das Display meines Handys – keine Nachricht, aber einen neuen Caipirinha, mein dritter. „Anni, an deinem Ohr ist immer noch etwas rote Farbe!“ und Tabi verdeckt es mit einer Haarsträhne von mir. „So, viel besser!“ Eigentlich ist die Stimmung vorzüglich, es wird viel gelacht, Jonas erzählt uns seine Surfer-Storys aus Übersee, kleine Mädchen kann er damit sicher beeindrucken, mich interessiert viel mehr sein Studium, wobei der Sport seinen Körper schon zum Positiven geformt hat. Ich traf ihn zum ersten Mal eine Woche nachdem Bene die Beziehung beendet hatte, was einige Veränderungen in meinem Leben mit sich brachte. Immerhin ist er mit Schuld daran, dass ich jetzt kleine Läden vorziehe und nicht mehr meinen Samstagabend damit verbringe, die neuen Kleider in den angesagten House-Clubs zu präsentieren. Ich brauchte dringend einen Tapetenwechsel, nachdem ich meinem Ex-Freund immer wieder in den Clubs begegnete. Elektronische Beats wurden gegen Gitarrensound und Schlagzeug ersetzt meine Highheels wurden immer öfter gegen Chucks eingetauscht und statt zu tanzen wurde mehr gesprungen, yeah! Wir hatten eine super Zeit… als „Freunde mit gewissen Vorzügen“.

Mittlerweile befinden wir uns auf der Wohlwillstraße Richtung Kiez, unser Ziel, der Hamburger Berg. Es ist eine sternklare Nacht, der Himmel taucht die Stadt in ein dunkles blau und ich bin froh, dass ich schon meine Winterjacke heraus geholt habe. Tobi und Jonas wieder vereint, ist ungefähr so, wie zwei kleine Welpen, von ihrem biologischem Alter von 29 Jahren merkt man nicht mehr viel. Aber vielleicht ist es gerade die Leichtigkeit, die Verrücktheit die ich an ihm so mochte, mag! Hauptsache er klettert nicht wieder auf ein Baugerüst. Mein Handy macht sich bemerkbar – eine Absage. „Tabi, Till kommt heute nicht, er ist mal wieder mit Alex unterwegs.“ Sie guckt mich etwas verwundert an: „Sind die zusammen, zumindest macht er ziemlich viel mit ihr in letzter Zeit, ich glaube ich habe ihn schon seit Wochen nicht mehr gesehen!“ „Till und in einer Beziehung… dann verstehe ich die Welt nicht mehr, aber ich glaube er mag sie wirklich, er ist sogar monogam.“ Tabi fängt an zu lachen: „Na dann muss es Liebe sein!“. In der Barbarabar ist es wie immer voll, bewaffnet mit einem Bier schieben wir uns oben durch die Menge, die Stimmung ist ausgelassen. Jonas allerdings wird ständig von alten Bekannten und Freunden belagert, wahrscheinlich hat er das bei Facebook gepostet, denn irgendwie scheint die Hälfte seiner Liste hier zu sein. Er ist ja auch nur eine Woche in Hamburg, dann geht es wieder ins sonnige Kalifornien. Auf meinem Display zeichnet sich eine Veränderung ab, Adonis hat geschrieben: „süße bin jetzt HAP (Hans-Albers-Platz) kommst ins Frida B.?”

Im Frida B. schlägt mir sofort eine Wolke von Zigarettenqualm entgegen, am Ende des Raucherraumes sehe ich ihn, er überragt mit seiner Größe die Menge, oje, mit meinen Chucks wirke ich wie ein Zwerg. Ich gehe auf ihn zu und bleibe stehen, neben ihm stehen zwei Jungs, wohl seine Freunde und ein blondes Mädchen, wie sie ihn anschaut, die Herzchen in ihren Augen erkenne ich sofort, ja, sie himmelt ihn geradezu an! Er hat mich gesehen und lässt sie stehen. „Dennis! (Adonis)“Er lächelt und kommt auf mich zu, zur Begrüßung gibt es einen Kuss auf den Mund. „Wo hast du die anderen gelassen!“ oje, jetzt muss ich die Wahrheit etwas verändern. „Die wollten auf dem Berg bleiben!“. Er stellt mich seinen Freunden vor, mhm, an die Namen kann ich mich nicht mehr erinnern, aber das Mädchen heißt Sarah und ist neunzehn Jahre, mit den hohen Stiefeln überragt sie mich fast einen Kopf, eigentlich ist sie hübsch und müsste gar nicht so viel Schminke tragen, so wirkt sie eher wie ein tapezierter Knochen. Sie mustert mich „Du bist schon voll alt, nääh?“ Ich nicke nur und versuche der Konversation aus dem Weg zu gehen, bevor noch Cellulite und Rente zum Thema werden. Es gibt einige Tequila, Dennis und ich haben super viel Spaß, nach acht Songs wage ich es, mein Handy zu zücken. Ui, zwei neue Nachrichten von Tabi: „Wo bist Du?“ und „Sind jetzt Headcrash, komm dahin!“. Ja, ein wenig kommt ein schlechtes Gewissen auf und kann ich Dennis mit Sarah alleine lassen…? Nach kurzer Überlegung komme ich zu dem Entschluß: Ja!

Ich bin echt froh, dass ich heute das bequeme Schuhwerk anhabe, so lässt es sich doch ziemlich zügig über den mit Kopfstein gepflasterten Hans-Albers-Platz kommen, an den Prostituierten vorbei, geht’s wieder auf den Berg. Wie gut, dass Dennis Freunde nicht bereit waren mitzukommen, sonst hätte ich ein Problem. Kaum bin ich drinnen, kommt Tobi zu mir und zieht mich zur Bar. „Du musst etwas nachholen!“ und vor mir stehen 6 Mexicaner. „Sind die alle für mich?“ er nickt. Tequila und Mexicaner! Ok, und kippe sie der Reihe nach weg, boaaaa, das war zu viel Tomatengeschmack auf einmal… Die Wirkung macht sich schnell bemerkbar, mir wird heiß, etwas schlecht und ich werde etwas wackelig auf den Beinen. Immer sind meine Beine schneller betrunken als mein Kopf, super! Tabi ist auch nicht mehr ganz klar, denn sie springt ausgelassen zu Green-Days: „Basketcase“. Es ist voll und ich habe keinen richtigen Durchblick mehr, im wahrsten Sinne des Wortes. Die ersten Gitarrenklänge von The Offsprings: „Kids aren’t allright“ werden angespielt und hallen durch den Raum. Ein Jubel bricht aus, die Tanzfläche verwandelt sich in ein Trampolin und ich bin mittendrin. Yeah! Bei diesem Lied haben wir uns das erste Mal geküsst und das war’s mit der “Freundschaft”. Es war ganz romantisch, mit dem Geschmack von Bier, Tomaten und Nikotin, inmitten einer aufgebrachten Menge und immer wieder Ellenbogen dazwischen…! Jonas bahnt sich den Weg durch das Gedränge zu Tobi und beide interpretieren den Song auf ihre Weise. Aua und ein Schubser lässt mich etwas das Gleichgewicht verlieren, gerade noch rechtzeitig hält Tabi mich fest. Wieder auf den Beinen umarmen wir uns und tanzen zu viert durch die Menge und andere schließen sich dem an. Ein Schubsen und Gedränge, das gibt morgen wieder blaue Flecken! Ich sehe noch wie Jonas auf mich zuspringt und klatsch, lande ich an der Wand, aua, du Arsch. Mein Kopf dröhnt und ich glaube meine Nase blutet, will der mich umbringen…? Ihm scheint mein unfreiwilliger Zusammenstoß mit der Wand nicht entgangen zu sein. „Anni, das wollte ich nicht, wirklich, tut ‘s weh?“ und reicht mir seine Hand. Nein, die Tränen sind vor Freude, du Idiot! „Du blutest, hier!“ und holt ein Taschentuch aus seiner Hose. „Besser Prinzessin?“ „Ja!“ etwas grimmig. „Es tut mir Leid!“ und umarmt mich, er legt meinen Kopf auf seine Brust und streichelt über meine Haare, mein Kopf dröhnt. Meine Nase ist wieder in Ordnung und ich löse mich etwas von ihm. „Ist wieder ok!“ und gucke kurz zu ihm, seine Hand dreht meinen Kopf sanft, die Blicke treffen sich und ich spüre wie die Hitze durch mein Körper fährt. „Ja, Anni, ist wieder ok!“ und weg ist er.

Frische Luft tut gut, es macht den Kopf wieder frei und ich atme die klare Kälte tief ein. Mein Kopf tut weh und langsam wird es nicht nur anstrengend sondern auch gefährlich, auf zwei Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen, der Alkohol ist nur das schmückende Beiwerk. Zudem entwickelt mein schlechtes Gewissen ein Eigenleben. Das mit Jonas hat mich gerade etwas aus der Bahn geworfen, also schnell zu Dennis und die Sache vergessen. Im Molly-Malone wird mir wieder warm. In meiner Abwesenheit hat Sarah sämtliche Geschütze aufgefahren, ziemlich besoffen, welches übrigens die Abkürzung für „Besonders offen“ ist, schlawinert sie um ihn herum. Sie würden gut zusammenpassen, zumindest vom Alter, in zehn Jahren würden sie heiraten und irgendwann Kinder bekommen, dann bin ich schon vierzig und für ein Kind zu alt! Er sieht mich und lässt sie sofort stehen, wieder einmal. Er kommt auf mich zu und gibt mir einen leidenschaftlichen Kuss, mir wird ganz warm. Während er neue Getränke holt, schaut sie ihm nach. Sie ist traurig und wahrscheinlich werde ich später diejenige sein, denn wenn es vielleicht nicht diese Sarah ist, wird irgendwann eine andere kommen für die er mich dann stehen lässt. Entweder tut er mir später weh oder ich ihm jetzt, keine besonders gute Ausgangslage. Gefühlte Stunden später „Anni kommst du danach mit zu mir?“ „Ich denke schon!“ und lehne mich an seinen Körper. „Ich muss nur nochmal kurz zu den anderen!“ „Ok, wir bleiben hier!“ „Ja, bis gleich!“

Gerade Linien gehe ich wohl nicht mehr, wieder an den Prostituierten vorbei und über, aber halt was sehe ich da, ist das nicht Alex, Tills Alex, aber der Typ bei ihr ist nicht Till, dem sie gerade hemmungslos ihre Zunge, vor der Dönerbude, in den Hals steckt. Ein Schrei und ich werde mit einem Ruck nach hinten zu Boden gerissen. Quietschende Reifen und ein lautes Hupen, das Taxi ist nur Millimeter von mir entfernt. Mein Knie tut weh. Der Fahrer ist ziemlich erbost über seine Vollbremsung und braust wütend davon. „Alles gut mit Ihnen?“ und ein etwas älterer Mann hilft mir hoch. „Junge Frau, sie sollten gucken, wenn sie über die Straße gehen.“ Das war knapp und ich bedanke mich bei meinem Lebensretter. Ja, ich weiß, ich hatte damals geschworen, dass ich so etwas nie wieder tue. Es ist doch gar nichts passiert, ich habe nur einen Mann geküsst und bin meiner Meinung nach auch weit entfernt von einer Ménage à trois. Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort, danke, aber muss es gleich ein beinahe Todesfall sein? Mein Obstsalat-Typ (Ein Mann der mit mehreren Frauen gleichzeitig was hat) lebt schließlich auch noch. Auf der anderen Straßenseite erreicht das Adrenalin meinen Magen und ich lasse mir sämtliche Getränke noch einmal durch den Kopf gehen. Anna-Lena du hast selber schuld, das passiert, wenn man zu viel will. Ich zücke mein Handy und eine neue Nachricht von Jonas! Oh Mann, die bringen mich heute nicht nur um meinen Verstand sondern noch um.

Ich bin echt froh, dass ich unversehrt im Bett liege. Zugegeben in diesem Bett zu liegen, damit habe ich nicht gerechnet. Wenn er schläft, sieht er total unschuldig aus und man würde ihm nie ansehen, wie viele gebrochene Herzen seinen Weg pflastern. Gott sei dank ist meines nicht dabei. Es ist immer wieder von Vorteil, wenn der Beste Freund auf dem Kiez wohnt und man in Verfassung eines schlechten Zustandes immer Asyl bekommt. Danke Till. Tja, ich erinnere mich auch an Alex und den anderen Typ, was ist wenn sie beide mag und den anderen schon viel länger kennt! Wenn ich es ihm erzähle wird womöglich jetzt sein Herz brechen!

Bis zum nächsten Mal Eure Anna-Lena 😉

Weiter geht es mit Game Over

Es ist Mittwoch und es darf gevotet werden. Wie würdet ihr euch verhalten, wenn ihr in Anna-Lena’s Situation währt? Würdet ihr es eurem Freund/Freundin sagen? Wie immer ist das Voting anonym! 😉

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Quellenangabe: Grafik: fotolia.com / © diavolessa

 

1 Comment

  • Hans Albers Platz,da habe ich mal alle vier von mir gegeben,man war das peinlich und nur weil ich eine heisse M….sah und ich die Augen nicht mehr wegbekam…LG

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