Generation Beziehungsunfähig (durchgestrichen) im Umbruch

Generation “Beziehungsunfähig” (durchgestrichen) im Umbruch

schon seit Wochen sammle ich die Gedanken für diesen Beitrag. Mittlerweile habe ich einige Artikel zu diesem Gedankengut gelesen und bei einigen sträube ich mich innerlich, warum so negativ? Es war und wird wohl auch immer so sein, dass bestimmte Entwicklungen gesellschaftlich erst einmal mit skeptischen Augen betrachtet werden. Wie ihr ja wisst habe ich mich in den letzten Wochen sehr mit den fünfziger Jahren beschäftigt und dabei ist mir eins aufgefallen, wie sehr das damalige dem heutigen Muster ähnelt. Es hat sich etwas verändert, es verändert sich ständig etwas, aber jede Veränderung bringt Fragen und besonders Ängste mit sich, weil alles, was neu ist, erst einmal fremd ist und man sich nicht mehr auf gewohntem Terrain bewegt.

Die erste Intuition eines Geisterfahrers ist – ich sitze auf dem Beifahrersitz und blättere in einem Magazin. Meine Freundin “Guck mal die fahren alle falsch!” Ich blicke kurz hoch und wieder in die Zeitschrift. MOMENT mal! “NEEEEEIIIN, wir sind falsch!” Ihre Reaktion darauf: “Oh, kann ich nicht noch kurz das Stück zu Ende fahren, kommt ja keiner mehr.” Ich klappe mein Blatt zu und atme tief ein: “Nein, rechts ran und bitte wenden, wenn frei ist, wir finden einen anderen Weg.”

Wir haben ein Problem! Vielleicht ja auch nicht. Genau wie die Technik, die natürlich auf Herz und Nieren im Vorfeld geprüft wurde, bevor sie auf den Markt kommt, ach ja, so ein Ettikett mit “Stiftung Warentest = sehr gut” beruhigt. Verändert sich auch die Liebe und dadurch die zwischenmenschliche Beziehung. Während im achtzehnten Jahrhundert das Flirten daraus bestand, dass die Dame ein Taschentuch fallen ließ, haben wir heute Tinder & Co.

Früher war alles besser!

Ach, war das so? Das damalige Beziehungsmodell bestand daraus, dass Frau und Mann aufeinander angewiesen waren, sie sich durch die Rollenverteilung ergänzten und jeweils nur mit einem Bein im Leben standen und durch die Zusammenführung zwei Beine hatten. Während die Frau als Hausfrau sich um Kinder und Haushalt zu kümmern hatte, ging der Mann das Geld verdienen, um die Familie zu versorgen. Die Entwicklung von damals wurde anfänglich ebenfalls vom Großteil der Gesellschaft stark verpönt und heute ist die Mehrheit über diese Entwicklung sehr dankbar und einigen gar nicht klar.

Selbstverständlich sind die Überlieferungen unserer Großeltern und Eltern auf den ersten Blick positiv, Negatives vergisst man gerne oder verdrängt es, aber wenn man mal genauer nachfragt, erhält man einen ganz anderen Einblick in die verschiedenen Generationen und wie es eben auch war, der ungeschönte Teil der Vergangenheit. Ich war wirklich entsetzt, als meine Mama mir erzählte, dass mein Vater, mein fortschrittlich und liberaler Vater wollte, dass meine Mama als Mutter nicht mehr arbeitet. Ich sprach ihn darauf an, seine Antwort: “Ja, damals war das so, aber heute bin ich froh, dass sie sich durchgesetzt hat.”

Heute …

Heute sieht das Ganze schon wieder anders aus, wir haben keine klassische Rollenverteilung mehr, die Grenzen verschwimmen und wir können alles werden. Natürlich wirkt sich das auch auf die zwischenmenschliche Beziehung aus, die sich ebenfalls verändert. VERÄNDERUNGEN fühlen sich am Anfang oft komisch an, sie bergen keine “Sicherheit”, weil man nicht weiß, wo das hinführt.

Wir mutieren immer mehr zu einer ICH-GESELLSCHAFT. JEDER IST SICH SELBST DER NÄCHSTE. WEGWERFGESELLSCHAFT. BEZIEHUNGSUNFÄHIG. UNVERBINDLICH – der negative Tenor unserer jetzigen Zeit. Und viele stimmen im CHOR mit ein – JAAAAA, genau so ist es. VERÄNDERUNGEN werden prinzipiell erst einmal von der Mehrheit verteufelt, bis sie nach und nach immer mehr erreichen und am Ende akzeptiert und später als völlig normal empfunden werden.

Aber was hat sich verändert?

Zu der damaligen Entwicklung der finanziellen Unabhängigkeit, kommt jetzt die emotionale Unabhängigkeit. Frauen wie Männer brauchen sich heute nicht mehr, sie sind nicht aufeinander angewiesen ein Ganzes zu ergeben. Sie sind auch alleine fähig ihr Leben nicht nur zu bestreiten, sondern auch zu gestalten.

Wir werden immer EGOISTISCHER, absolut, aber wieso sieht man das als negativ? Ist es sinnvoll, seine Bedürfnisse gegenüber anderen stets herunter zu schrauben oder liegt  viel mehr der Gedanke darin zu erwarten, dass andere es dann ebenfalls tun? Und was passiert, wenn man sich zurück nimmt und andere eben nicht – ein Ungleichgewicht! Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht.

Die SELBSTLIEBE gewinnt immer mehr Aufmerksamkeit, in vielen Therapien bildet sie den Fokus eines Umdenkprozesses – man übernimmt die Verantwortung für sein eigenes Glück, sein Leben, sein Scheitern und macht das Beste daraus. Die eigenen Bedürfnisse werden gelebt, man achtet auf sich (Ernährung, Sport) Veränderungen werden angenommen, negative Energien werden in positive umgesetzt – ein aktives Handeln, um seine derzeitige Situation zu verbessern ohne von anderen Menschen oder deren Gefühlen abhängig zu machen.

Klar, haben die das Nachsehen, die sich weiterhin für andere verbiegen und unterordnen, viel mehr das Leben eines anderen leben, als ihr eigenes. Verständlich, dass man hofft, dass sich das irgendwann ändert – ein eher passives Handeln, darauf zu warten.

ALLEINE GLÜCKLICH SEIN. Ich lerne immer mehr Leute kennen, die glücklich und zufrieden sind – ohne Partner. Sehr selbstbewusste, aktive und eigenständige Charaktere. Die Singlephase wird mehr genutzt, um sich selbst besser kennenzulernen, als sich gleich in die nächste Partnerschaft zu begeben. Sie sind oft unterwegs, auf Reisen, kein Couching am Wochenende – es geht raus … in die Sonne, ins Kino, ein neues Restaurant wird getestet, zu Hause liest man ein gutes Buch, hin und wieder eine Kennenlernphase oder Affäre. Andere würden das auch als BEZIEHUNGSUNFÄHIG betiteln … aber vielleicht hat man auch einfach gerade KEINEN BOCK AUF EINE BEZIEHUNG und möchte für eine Weile einfach mal NUR ICH sein! Ich glaube, die bei sämtlichen Flirt-Apps und Singlebörsen angemeldet sind, werden länger Single sein, als die die einfach ihr Leben alleine genießen.

WEGWERFGESELLSCHAFT – anstatt etwas zu reparieren, wird es weggeworfen und durch etwas Neues ersetzt. In meinen Zwanzigern habe ich wesentlich mehr repariert und investiert, obwohl meine innere Stimme sang – LET IT GO, LET IT GO. Ich dachte, wenn ich alles gebe und versuche, fühle ich mich besser, alles gegeben und versucht zu haben. Am Ende kam die Ernüchterung – ich hätte es mal lassen sollen und diese Energien lieber in mich investiert. Ich denke, je älter man wird, desto mehr Erfahrungen sammelt man und erlangt eine gewisse Einschätzung, ob das Ganze noch Sinn macht oder nicht. Hinzu kommt die emotionale Unabhängigkeit, für so jemanden ist es viel einfacher sich zu trennen. Ich zitiere einen bekannten Schlager von Vicky Leandros “Was kann mir schon geschehn? Glaub’ mir ich liebe das Leben. Das Karussell wird sich weiterdreh’n auch wenn wir auseinandergeh’n.”

Es ist manchmal eben doch besser, etwas loszulassen, als krampfhaft festzuhalten oder sich Hilfe bei den Profis zu holen. Eine Paartherapeutin meinte, wenn alle unglücklichen Paare zur Paartherapie gehen würden, dann würde es keine Trennungen mehr geben. Gut, würde es schon, nur wesentlich weniger. Wenn die Krankenkasse die Kosten übernehmen würde, wären sicher mehrere Paare bereit, diese Unterstützung zu nutzen, da bekommt die Frage: “Was ist dir diese Beziehung wert.” gleich eine doppelte Bedeutung. QUATSCH, rausgeschmissenes Geld, wir schaffen das auch ohne und doktern lieber selber an unserer Beziehung herum – bis der Patient von einem als tot  erklärt wird. Eine Frage, wenn Euer Partner einen Herzfehler hat, würde man ja auch nicht auf die Idee kommen, selber zu operieren. Nein, das überlässt man den Ärzten, die das studiert und Ahnung haben.

UNVERBINDLICHKEIT – Viele beschweren sich darüber, dass andere stets auf der Suche nach etwas Besserem  wären. Wenn mir noch einmal jemand sagt, ich solle meine Ansprüche herunterschrauben, antworte ich: “Nur damit ich mich auf die Ebene eines anderen hinabbegebe?” Warum kommt der nicht hoch, immerhin sind das die gleichen Ansprüche, die ich an mich habe und mittlerweile auch erfülle. Ich war mal eine Klette, ich wollte ständig etwas mit meinem Partner machen und ganz viel Zeit mit ihm verbringen. Problem, ich stehe prinzipiell nur auf freiheitsliebende Menschen, ihr ahnt es, dass das nicht funktioniert. Also bin ich selber zu einem freiheitsliebenden Menschen geworden. Besser, viel besser, zudem habe ich Kennenlernphasen genutzt, um meine emotionale Unabhängigkeit weiter auszubauen, also wenn der Herr sich distanziert. Was meint ihr, wie viele Kennenlernphasen aufgrund emotionaler Abhängigkeit in den Sand gesetzt werden, von Beziehungen ganz zu schweigen!!! Also nicht immer auf die anderen zeigen, sondern mal sich selber genauer unter die Lupe nehmen.

Generation im Umbruch

Wir sind keine Generation, die beziehungsunfähig ist, sondern im Umbruch. Jetzt muss ich wirklich aufpassen, wie ich das formuliere ohne am Ende als Hexe dazustehen, die Teufelswerk verbreitet und von einigen am liebsten gelyncht werden möchte.

Auf der einen Seite haben wir das veränderte gesellschaftliche Beziehungsmodell aus den Fünfzigern – Man lernt jemanden kennen, heiratet und bekommt Kinder (die Kurzfassung) und das am besten bis der Tod uns scheidet. Was wurde uns als Kind von unseren Eltern vorgelebt und hat uns damit geprägt? Nach wie vor wird dieses Modell gelebt, aufgrund von der Auflösung der traditionellen Rollenverteilung in einer Beziehung, stieg allerdings die Scheidungsquote und viele mussten lernen für sich alleine selber zu sorgen, Frau wie Mann und es entwickelte sich für jeden eine neue Rolle.

Die immer weitere Entwicklung zur Unabhängigkeit. Die Selbstverwirklichung, genau wie die Technik, entwickelt sich auch die PSYCHOLOGIE weiter. Ratgeber, Coaches und gaaanz viel Lesestoff, wie man ein glücklicher Mensch wird. Immer mehr wird der FOKUS auf einen gesunden Egoismus gesetzt und man lernt dadurch auch alleine glücklich zu sein. Nämlich, indem man das für sich macht, was einem selber gut tut. Diese neu gewonnene Freiheit möchte man natürlich nicht gerne wieder aufgeben, aber zum Glück gibt es ja immer mehr, die genau diese Art selber leben – das Ergebnis, gemeinsam frei sein. Ein ICH&ICH, statt ein WIR. Ich bin ja nach wie vor der Meinung, wer alleine glücklich ist, kann zu zweit auch glücklich werden und das sogar auf Langzeit.

Und dann stecken viele dazwischen, der Blick in die Vergangenheit, die Sicht auf die Entwicklungen der Zukunft. Aber wo führt das ganze hin? Immer wieder fließen neue Erfahrungen und Erkenntnisse in unser Leben ein. Wenn sich etwas verändert, hat man mehrere Möglichkeiten, man kann total dagegen sein und sich darin bestärken, indem man primär die negativen Aspekte sucht und sich darauf ausruht oder das Ganze mehr durchleuchtet und von einer anderen Sichtweise betrachtet und vielleicht doch positive Aspekte für sich findet und sie für sich nutzen kann.

Erwarte nicht von anderen, dass sie sich für Dich ändern, sie müssen sich, wenn, für sich selber ändern und manchmal muss man etwas ändern, damit sich etwas verändert. Was, das weiß man selber viel besser und wenn nicht, gibt es verschiedene Unterstützungen, um eben genau das heraus zu finden. Ich wünsche jedem, dass er seinen Platz inmitten des Umbruchs findet, ich habe meinen gefunden, neben der Sonne gleich links.

Eine Generation als beziehungsunfähig zu deklarieren, halte ich übrigens für verrückt und ist eher kontraproduktiv. Es gibt viele Wege zum Glück, einer ist aufhören zu jammern, ein anderer GELASSENHEIT.

Dont worry. Be HAPPY

Ich weiß der Artikel ist lang, aber ich wüsste nicht wo ich ihn kürzen sollte, im Gegenteil, ich könnte noch viel mehr schreiben … 😉

Ich-brauche-keinen-Mann

Wer mehr über die Fünfziger erfahren möchte:

Die Zeit zwischen alten Traditionen & Werten und der Entdeckung zur Selbstliebe, wo viele ihren Platz suchten und rastlos nach etwas griffen, was ihnen Halt gibt.

 

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